AKTSKULPTUREN von Caroli Dienst

BEWEGEND

Anatomie ist immer schon meine Leidenschaft gewesen:
der Körper in Bewegung, im Tanz, in der Erotik, in alltäglichen Verrichtungen. Ich sehe darin eine sich formende, sich neu erfindende Ganzheit: Materie, von innen bewegt und von außen zu beobachten.

Jede Skulptur ist eine Momentaufnahme – herausgegriffen aus einem Bewegungsstrom, in den Körper und Geist gleichermaßen involviert sind. Immer wieder tauchen Körperhaltungen von höchster emotionaler Intensität auf, denen ich in meinen Arbeiten faktische und zeitlose Materialität verleihe.

In solchen Haltungen und Gesten manifestiert sich die lebendige Persönlichkeit eines Menschen wie auch seine Einstellung anderen Personen gegenüber.

Auf diese Weise lässt sich die Disziplin eines Tänzers ebenso darstellen wie sein Mut, sich einem Publikum preiszugeben – oder auch das fortwährende Ringen in der Beziehung zwischen Mann und Frau.

Immer wieder stoße ich bei meiner Arbeit auf die doppelzüngige Moral in unserer Gesellschaft, die zwischen strikter Tabuisierung und freizügiger Präsentation des menschlichen Körpers in den Medien schwankt. Dieser Zwiespalt wirkt sich auch auf der zwischenmenschlichen Ebene aus, indem er die Möglichkeiten für ein emotional unbeschwertes Zusammenleben und den freien Ausdruck der eigenen Gefühlswelt beschneidet. Mit meinen Skulpturen möchte ich deshalb eine Gelegenheit bieten, diese physisch spürbare Präsenz realer, erwachsener, beseelter Leiber nachzuempfinden und sich an der Vielfalt der körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten zu erfreuen.

 


Die Schwebenden
Tanz erfordert mehr als nur Disziplin und Ausdauer. Tanzen bedeutet die Verinnerlichung jeder einzelnen Bewegung. Aus den Tiefen des Unbewussten steigen sie auf als unendlicher Fluss in perfekter Gestalt.


Liebende – einander fremd
Immer noch zögern sie. Voll Angst, sich anzusehen, schieben sie noch den Moment der Begegnung hinaus. Umdrehn? Was folgt darauf, auf diesen mutigen Schritt des Sich-Zeigens? Welche Entscheidung wird fallen? Die eigene Würde – wie wahren? Nackt sind sie beide, verwundbar ist jeder für sich.

 


Lilith
Urbild der Femme fatale – Denkerin ohne Tabu, zornig und emanzipiert: Adams erste Frau, die ihn verließ, weil sie Partnerin, gleichwertig ihm wollte sein – und er „Nein“ sagt. Rache treibt sie in die Arme der Schlange, deren Gestalt sie sich leiht, um getarnt so sich Eden zurückzugewinnen. – Dort wird sie Ursprung der Zerstörung, Wurzel des Unheils der Menschheit ist sie.